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Denkanstöße 18 - Stille Post

Für die, die Playstation und Gameboy davor "bewahrt" haben, analoge Spiele zu spielen, erkläre ich wie versprochen die "Stille Post". Die Spieler sitzen im Kreis. Eine Person denkt sich einen Satz aus, z.B. "Chantal hat den Marco letzte Woche geknutscht und der ist ohnmächtig geworden", und flüstert ihn der benachbarten Person ins Ohr. Diese flüstert den Satz fröhlich glucksend so weiter wie sie ihn gehört bzw. verstanden hat. Schließlich kommt der Satz oder besser gesagt, was daraus geworden ist, am Ende der Flüsterkette an und wird dort laut ausgesprochen. Der Urheber des Satzes gibt dann das Original zum Besten, und alle amüsieren sich über die wundersame Verwandlung von Sinn in Unsinn oder Unsinn in anderen Unsinn. Manchmal wird aus Unsinn sogar Sinn.

Was diese Transformationen betrifft, unterscheiden sich Flüsterketten bei Kindergeburtstagen nicht groß von der Kommunikation in der Welt der Erwachsenen.

Bevor ich darauf weiter eingehe, beantworten Sie bitte diese Frage: Was wäre für Sie die Realität, wenn Sie nicht wüssten, dass Sie am Ende einer "Stillen Post" sitzen?

Bei der Kinderparty beruht die Informationsverfälschung möglicherweise darauf, dass es am unnötigen Ernst fehlt, das eine oder andere Kind beim Reden noch an einem Mohrenkopf kaut oder gleichzeitig flüstert und lacht. Wenn Erwachsene im Projekt kommunizieren, gibt es andere Ursachen für Missverständnisse. Sie liegen u.a. zwischen den Ohren des Empfängers, wo auch heimlich, still und leise "Stille Post" gespielt wird.

Auf dem Weg von der Außenwelt in unser Bewusstsein werden Signale klammheimlich verändert. Vieles passiert dabei, ohne dass wir diese Veränderung beeinflussen können. Das lässt sich sehr schön mit zwei kleinen Experimenten zeigen.

1. Blinder-Fleck-Experiment:

Zeichnen Sie bitte ein ausgefülltes Quadrat mit einer Seitenlänge von ca. 0,5 cm und etwa 5 cm rechts davon einen Punkt mit einem Durchmesser von 0,5 cm auf ein weißes leeres Blatt Papier (Bild). Nun decken Sie mit der Hand das linke Auge ab und fixieren mit dem rechten Auge das Quadrat, während Sie sich mit dem Kopf langsam dem Blatt nähern. Sie werden feststellen, dass der Punkt verschwindet, wenn Sie etwa eine Handbreit vom Blatt entfernt sind.

2. Warm-Kalt-Experiment:

Sie benötigen dazu 3 Gefäße, die nebeneinander stehen. Das linke füllen Sie mit Wasser, das so gerade heiß ist, dass Sie Ihre Hand hineinhalten können ohne sich zu verbrühen. Das rechte füllen Sie mit eiskaltem Wasser. Aus diesen Gefäßen gießen Sie etwa ein Drittel des Inhalts in das mittlere Gefäß. Nun halten Sie für ca. 10 Sekunden gleichzeitig die eine Hand in das eiskalte und die andere in das heiße Wasser. Dann halten Sie abwechselnd beide Hände in das mittlere Gefäß. Die Temperaturempfindungen Ihrer Hände werden sich dabei deutlich unterscheiden.

 

Offensichtlich hat unser Nervensystem kein ernsthaftes Interesse an einer objektiven und sauber geeichten Wahrnehmung der äußeren Umgebung. Ich meine damit die Umgebung, die sich außerhalb unseres Körpers befindet. Kein Wunder, denn der Körper in dem es steckt, hat großen Einfluss darauf, welche Informationen in unserem Bewusstsein ankommen – der Körper mit all seinen Organen, Muskeln, Blutgefäßen, Drüsen und was die Anatomen noch so alles finden. Die vielen Billionen Körperzellen haben ein gehöriges Wörtchen mitzureden - oder anders ausgedrückt - auf dem Weg der Informationen von der Außenwelt zum Bewusstsein spielen unendlich viele Körperzellen Stille Post.

Ein Beispiel: Sie kommen übelgelaunt ins Büro, weil Sie sich kurz vor der Abfahrt mit Ihrem Partner gestritten haben. Auf Ihrem Schreibtisch finden Sie folgende Nachricht: "Hallo, wir stecken tief in der Sch… Dem Kunden ist heute Nacht die Anlage um die Ohren geflogen. Krisensitzung beim Chef!" Schlagartig bringen Ihre Erfahrungen mit Begriffen wie Fehler und Chef ihr Hormonsystem in Wallung. Diese Mitspieler in Ihrer inneren Stillen Post bauschen die Worte zu Schreckensszenarien auf. Angst und Wut ergreifen Besitz von Ihnen. Wenn Sie wie ich ein temperamentvoller Typ sind, fluchen Sie, hauen mit der Faust auf den Tisch und marschieren in die Schlacht. Sie legen sich Ihren Angriffs- und Verteidigungsplan zurecht. "Ich habe doch gleich gesagt, wir müssen mehr testen!" Auf dem Weg kommt Ihnen ein freundlich grinsender Kollege entgegen. Sie denken sich: "Was fällt dem ein, in so einer Situation so blöd zu grinsen? Vielleicht bekommt er ja meinen Job." Vor der Tür des Chefs sind Sie bereits so mit Adrenalin gesättigt, dass Sie keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Wie in Trance treten Sie ein.

Da schallt es Ihnen entgegen: "April, April! Die Anlage läuft astrein. Der Kunde ist glücklich. Sekt?"

Alles was seit dem Lesen des Zettels passiert ist, wird schlagartig als pure Fiktion Ihres Nerven- und Hormonsystems entlarvt. Doch für Sie war es bis zu "April, April!" plus der Verzögerung, bis sich die Stille Post mit der neuen Information bei Ihrem Verstand gemeldet hat, Realität.

In dem geschilderten Fall hat sich der Irrtum schnell aufgeklärt. Doch wie oft begleitet uns die Fiktion unbemerkt in unseren Projekten? Wie oft wollen wir nicht wahrhaben, was tatsächlich läuft? Wie oft ignorieren wir wertvolle Ideen oder berechtigte Bedenken, weil die Stille Post sie aussortiert oder im Sinne unserer eigenen Vorstellungen und Stimmung interpretiert? Je höher der Druck oder die Euphorie, desto gnadenloser wird aussortiert und uminterpretiert. Wir erkennen nicht, dass wir am Ende einer Stillen Post sitzen, deren unsichtbare Mitspieler Körper, Psyche und persönliche Erfahrung heißen.

Dann kann es tatsächlich sein, dass ein Zettel auf Ihrem Schreibtisch liegt, der dann eben kein Aprilscherz ist.

Tipps: Wie Sie die "Stille Post" entlarven und überlisten: Jetzt anfordern!

Ich freue mich über Ihre Denkanstöße unter denkanstoss@microconsult.de.

Peter Siwo

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